Nexhmedin Morina, Ulrike von Lersner, Holly G. Prigerson

Hintergrund: Welche psychischen Belastungen oder Störungen entwickeln Menschen langfristig, wenn sie als Kinder oder Jugendliche einen Elternteil im Krieg verloren haben? Darüber wissen wir bislang wenig. Diese Studie hat erhoben, wie häufig psychische Erkrankungen und dysfunktionales Verhalten bei den jungen Erwachsenen aufgetreten sind, deren Vater im Krieg getötet wurde, als sie noch im Kindes- oder im Jugendalter gewesen sind.

Methode: Junge Erwachsene, die den Krieg im Kosovo als Kinder oder Jugendliche erlebten, wurden ein Jahrzehnt nach Kriegsende befragt. 179 hatten einen Verlust erlitten und 175 waren nicht davon betroffen. Folgende Messinstrumente kamen zum Einsatz:
- das Mini–International Neuropsychiatric Interview für die Erfassung der Prävalenzraten für Depression, Angststörung, Drogenmissbrauch und akute Suizidalität,
- das Prolonged Grief Disorder Interview (PG-13) für Komplizierte Trauer; der Patient Health Questionnaire für körperliche Beschwerden,
- der General Health Questionnaire für gesundheitliche Belastungen.

Ergebnisse: Personen, die einen Verlust erlitten hatten, litten signifikant häufiger an einer Depression oder Angststörung als nicht betroffene Teilnehmer (58.7% vs. 40%). Bei den von einem Verlust betroffenen Teilnehmern erfüllten 39.7% die Kriterien einer posttraumatischen Belastungsstörung, 34.6% die einer Komplizierten Trauer und 22.3% erfüllten die Kriterien einer Depression. Teilnehmer mit Komplizierter Trauer litten häufiger auch an Depressionen, einer Angststörung oder akuter Suizidalität als von einem Verlust betroffene Teilnehmer ohne komplizierte Trauer.

Schlussfolgerung: Kriegsbedingte Verluste belasten Kinder und Jugendliche zusätzlich zu den anderen traumatischen Ereignissen, denen sie im Krieg ausgesetzt sind. Kriegsbedingte Verluste erhöhen das Risiko für die Entwicklung von psychischen Erkrankungen und dysfunktionalem Verhalten im jungen Erwachsenenalter erheblich. Dabei zeigt sich, dass das Syndrom “Komplizierte Trauer” hilfreich genutzt werden kann, um die Personen zu identifizieren, die den höchsten Grad an Belastung und dysfunktionalem Verhalten aufweisen.

Morina, Nexhmedin; von Lersner, Ulrike; Prigerson, Holly G. (2011): “War and Bereavement: Consequences for Mental and Physical Distress”, online kostenfrei abrufbar bei: PLOS ONE, Vol. 6, Nr. 7.  

Bei Interesse finden Sie den gesamten englischsprachigen Artikel hier als PDF-Download.

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