Judith Gonschor, Maarten C. Eisma, Antonia Barke, Bettina K. Doering 

Die Einführung der Diagnose Prolonged Grief Disorder (PGD) kann mit negativen sozialen Reaktionen einhergehen (z.B. gesellschaftliche Stigmatisierung).

In Studien konnte anhand von Vignetten-Experimenten gezeigt werden, dass Menschen mit Symptomen einer PGD und einer PGD-Diagnose stärkere gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren als Betroffene, die den Verlust gut integrieren konnten. Dabei bleibt jedoch unklar, in welchem Maße die Diagnose die Stigmatisierung beeinflusst. Daher möchten wir in dieser Studie klären, inwieweit die PGD-Diagnose die Stigmatisierung über das reine Auftreten von PGD-Symptomen hinaus verstärkt. Darüber hinaus fragten wir uns, ob es hinsichtlich der Stigmatisierung einen Unterschied macht, wenn Betroffene eine PGD-Diagnose oder bei Vorlage von PGD Symptomen die Diagnose einer schweren Depression (MDE) erhalten. Zudem untersuchten wir, in welcher Hinsicht die geschlechtliche Zugehörigkeit die Stigmatisierung beeinflusst oder Auswirkungen auf einen der anderen Zusammenhänge hat.
Insgesamt nahmen 852 Personen (77% weiblich, Altersdurchschnitt: 32.6 Jahre mit einer Standardabweichung von 13.3) an der Studie teil. Sie wurden gebeten, online eine von acht Vignetten zu lesen, die ihnen per Zufallsauswahl zugewiesen wurde. Die Vignette beschrieb eine weibliche oder männliche trauernde Person, die entweder PGD-Symptome zeigte und eine PGD-Diagnose erhielt, PGD-Symptome zeigte und die Diagnose einer MDE erhielt, PGD-Symptome zeigte, aber keine Diagnose erhielt oder keine PGD-Symptome zeigte und keine Diagnose erhielt (z. B. weil sie den Verlust gut integrieren konnte). Die Teilnehmer sollten dann angeben, welche negativen Eigenschaften sie der in der Vignette dargestellten Person zuschrieben, welche emotionalen Reaktionen die beschriebene Person bei ihnen auslöste und welche Nähe bzw. welchen sozialen Abstand sie zu dieser Person  wünschten.
Es zeigte sich, dass Menschen mit PGD-Symptomen und einer Diagnose (PGD oder MDE) mehr negative Eigenschaften zugeschrieben wurden, mehr negative Emotionen auslösten und auch, dass der Wunsch nach Abstand stärker war als es der Fall bei Personen war, die gut mit dem Verlust zurechtkamen. Kein Unterschied hinsichtlich der Stigmatisierung zeigte sich hingegen zwischen der Gruppe, die PGD-Symptome zeigte und eine Diagnose erhielt und der Gruppe, die nur PGD-Symptome zeigte. Die geschlechtliche Zugehörigkeit wirkte sich nur auf den Aspekt des gewünschten sozialen Abstandes aus. Dieser Wunsch war gegenüber Männern stärker. Für stark belastete Trauernde scheint es hilfreich zu sein, wenn sie darin unterstützt werden, mit negativen sozialen Reaktionen umzugehen.
Die Ergebnisse dieser Studie zeigen, dass das Erleben ausgeprägter psychischer Belastungen nach einem Verlust gesellschaftliche Stigmatisierung hervorruft, jedoch nicht die Diagnose an sich.

Gonschor, Judith; Eisma, Maarten C.; Barke, Antonia; Doering, Bettina K. (2020): “Public stigma towards prolonged grief disorder: Does diagnostic labeling matter?”, in: PLOS ONE 15 (9): e0237021. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0237021.

Bei Interesse am gesamten englischsprachigen Artikel wenden Sie sich an h.willmann@trauerforschung.de oder laden Sie sich den Artikel herunter:  https://journals.plos.org/plosone/article/authors?id=10.1371/journal.pone.0237021.

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